• rss
mit einer Weihnachtsgeschichte von Bärbel Wengenroth

mit einer Weihnachtsgeschichte von Bärbel Wengenroth

möchte der Vorstand des SPD-Ortsverein das Jahr 2014 beschließen und freut sich auf die politische Arbeit im nächsten Jahr. Vielen Dank und beste Wünsche!

In guter Tradition trägt die Genossin Bärbel Wengenroth auf unserem SPD-Adventkaffee im Dezember ihre selbstgeschriebenen Erzählungen vor.  “Shelterbox von einem Freund” ist besinnlich und macht nachdenklich:

 

Shelterbox von einem Freund von Bärbel Wengenroth 

„O.k., ich nehm`s schon an! Mach ich immer für die Nachbarn.“ „ Ne, ist für dich diesmal.“ Hackie,  der Briefträger stürzte die Treppe hinauf und legte dem alten Henry ein Päckchen in seine zittrigen Hände. „ Bestimmt nicht, ich krieg keine Post, schon erst recht kein Päckchen.“ „Guck doch, Mensch, oder  bist du nicht Henry Pfeiffer?“ „ Doch doch, Henry heiß ich , pfeif aus dem letzten Loch! Komm rein, Hackie, darauf gibt`s einen Schluck.“ „Nee, Henry ich muss weiter, 1. Dezember, Weihnachtszeit, du weißt ja, Stress für  die Post!“ „ Ist schon gut, Hackie,  vielleicht demnächst mal,“ `Wenn`s noch ein nächstes mal gibt,` dachte  er,  was soll das alles, Scheiß- Weihnachten`  Er schlurfte in die Küche, ließ sich auf dem einzigen Stuhl nieder und legte das Päckchen vor sich auf den Tisch. Ein Päckchen für ihn, den ollen Henry? Hatte er je in seinem Leben ein Päckchen bekommen? Er erinnerte sich nicht. Beinahe zärtlich strichen seine Finger über das braune Papier, den fest gezurrten Bindfaden. Den Absender konnte er nicht entziffern. Er brauchte seine Lupe, und dann las er langsam wie ein Erstklässler: „ Tom Trommler“, Tränen  fielen auf die Namen von Stadt und Straße, sie wurden unlesbar. Ein Päckchen  von Tom, Henry schüttelte den Kopf, wie viele Jahre hatte er nichts von ihm gehört?

Er schüttelte das Päckchen, lauschte, Papier raschelte, etwas rollte darin hin und her; langsam knotete er den Bindfaden auf, öffnete den Karton, darin war etwas in Zeitungspapier eingepackt, etwas Rundes.  „ Mensch Tom, alter Junge,“ murmelte er, „Was schickst du mir? So kurz vorher noch?“ Denn lange wollte er das alles nicht mehr aushalten. Wozu auch? Es fragte ja keiner nach ihm. Und jetzt? Ein Päckchen. Hm! Was sollte schon drin sein. Mit feuchten Händen schlug er das Papier zurück, ein Ball, ein Fußball, er drehte ihn bedächtig, beklebt war er mit 24 Briefchen, auf denen Nummern standen, von eins bis 24.

Henry löste das Briefchen Nr.1, riss den kleinen Umschlag hastig auf- ein Foto schwarz weiß, darauf ein Fußballspieler im schwarzweißen Trikot, den Nationalfarben, im Sprung nach einem Superschuss, Anspannung im Gesicht, die Haartolle fällt ihm in die Stirn- : Fritz Walter- Held seiner Kinderträume. Alle Szenen  der WM 54 waren auf einmal wieder da, wie sie beide – er und Tom- vor dem kleinen Radio hockten als der Reporter Zimmermann  sein `TOOOOOOOR!!!!`in die Welt hinausbrüllte. Und wie sie  im Verein kickten, jede Niederlage und jeden Sieg teilten, und wie sie überhaupt alles miteinander teilten, die Bratwurst, das Taschengeld, ihre Fußballbilder für das Sammelalbum,  und das erste Mädchen. Irgendwann war eine dumme Geschichte dazwischengekommen, eine Weibergeschichte, Henry erinnerte sich schwach, es ging um die schöne Marie, und diesmal hatte  er nicht mit Tom teilen wollen.  Engherzigkeit hatte der ihm damals vorgeworfen, und sie hatten sich geprügelt.

Schade, mit Marie hatte es nicht lange gedauert, aber die Freundschaft war nicht mehr zu kitten gewesen,  Tom war nachtragend  wie ein Elefant- sie hatten sich aus den Augen verloren.

Henry steckte das Foto mit einer Stecknadel an die Tapete und wollte schon den nächsten Umschlag öffnen- aber stopp- sollte er nicht bis morgen warten, 24 Briefchen von seinem alten Kumpel, jeden Tag eine Überraschung, bis Weihnachten- der alte Henry war wieder Kind, das neugierig die Türchen des Adventskalenders öffnet.

Nun konnte er sich nicht einfach davonmachen, wie er es seit langem vorhatte. Morgen nicht und auch nicht übermorgen. Er musste doch wissen, was der olle Tom ihm schickte. Bis zum 24. musste er ja wohl aushalten.  Aber Weihnachten –das wollte er wirklich nicht noch mal  erleben, mit einer Flasche Schnaps am Heiligen Abend  und dem Kater am ersten Weihnachtstag, und den Vorwürfen seiner Tochter, die ihn wie jedes Jahr  abholen würde, um eine gute Tat für sich zu buchen. Ein wenig  konnte er es ja noch aushalten, dieses Scheiß- Leben, gab es doch jeden Morgen eine Überraschung, ein Foto, das ihn in die Zeit der Freundschaft  zurückversetzte, so dass ihm warm ums Herz wurde.

 

So humpelte der alte Henry in diesem besonderen Dezember- seinem letzten, wie er meinte, jeden Morgen zum Fenster, holte den Ball aus dem Einkaufsnetz,  das er an den Griff gehängt hatte, entfernte das Briefchen mit der richtigen Zahl,  riss den Umschlag auf und  betrachtete  das Foto. ´Fritz Walter auf den Armen seiner Fans, Toni Turek im schwarzen Torwartanzug beim Hechtsprung ins Tor, der kleine Sepp Herberger mit seinem versteckten Stolz im Gesicht, jeden Tag ein Held, dem er mit Tom damals leidenschaftlich nachgeeifert hatte.

Der Ball am Fenster wurde allmählich blank, nur noch wenige Umschläge waren zu öffnen. Ein wenig traurig ist es schon, dachte Tom. Was würde er nach dem letzten Foto tun? Eigentlich war es klar, dann konnte er seinen Plan ausführen. Was hielt ihn denn dann noch auf dieser armseligen Erde? Schade, dass er Toms Adresse nicht lesen konnte. Vielleicht hätten sie sich treffen können. Ach was, es war sicher  besser so. Alte Geschichten soll man nicht wieder aufwärmen.

Am 24.12. klebte ein etwas größerer Umschlag am Ball. Henry hielt ihn lange in der Hand, bevor er ihn öffnete. Zwei Karten enthielt er, Karten für ein Spiel ihres Vereins, in dem sie damals gespielt hatten und der inzwischen immerhin  in die zweite Liga aufgestiegen war. Am 25. Januar im nächsten Jahr sollte es stattfinden.

Ein Zettel lag dabei: Henry, wir müssen unbedingt gucken, wie die Jungs jetzt ohne uns kicken, ich hol dich um 13.00 Uhr ab.

Tom

Henry sprang fast auf, hielt sich am Stuhl fest, stand zitternd auf dem rechten Fuß,  und ließ den Ball auf der Spitze des linken Fußes tanzen, na, das klappt ja noch. Er kicherte. Aber ob Tom noch seinen berühmten Fallrückzieher hinkriegte; er musste es wissen- unbedingt.